Haben Sie jemals eine Flasche Desinfektionsmittel, 20 Latexhandschuhe, ein Pack Durex Kondome und zwei HIV-Schnelltest’s geschenkt bekommen?
Nein?
Ich schon.
“Strub” würde man im Züritüütsch sagen. “Megagigahaga” würde der Aargauer und Comedien Peach Weber sagen. “Jäjodrno denn ischs halt so” sagt der Basler. Ich weiss nicht was ich dazu sagen soll…
Aber jetzt mal von Anfang an:
Anfang Oktober letzten Jahres war ich Nachmittags gebucht. Der Kunde, englisch sprechend, schien ganz nett zu sein und seiner Handynummer nach stammte er wohl aus Afrika, resp. der Region Kenia und hiess John.
Als ich vor seinem Hotel stand rief ich John an um ihm mitzuteilen dass er mich in der Lobby abholen könne. Freudig nahm John dies zur Kenntnis und meinte ich solle einfach unten warten, er sei gleich da. In der Lobby angekommen geisterte ein Mann (mitte fünfzig, schnauzträger, in einem verzogenen Muskelshirt, in violett-orange-gelben Jogginghosen und knallgelben Nike Turnschuhen) herum, der auf mich einen lustigen Eindruck machte, ich aber nicht weiter beachtete (lustiges Kerlchen). Ich studierte gerade die altmodische Tapete (scheussliches Muster im übrigen) als mich dass Kerlchen in Knallfarben von der Seite anstupste und sich als John vorstellte. Er hüpfte freudig von einem Bein auf das andere (Lockerungsübung) und er erklärte mir dass er gerade am Zürichsee seine Joggingrunde gelaufen sei. John erklärte ebenfalls das sein nervöses rumhüpfen auch meiner Person gelte, er sei wahnsinnig aufgeregt, betonte allerdings er müsse noch was prüfen. Aha. Ja dann gibts anscheinend noch was zu prüfen.
Auf dem Weg zum Zimmer hastete John durch den Gang zu seinem Zimmer und bat mich ein wenig hektisch herein. Ich setzte mich auf die Couch und bekam von John ein Glas Weisswein angeboten. Bis dahin alles in Ordnung. John entschuldigte sich kurz und ging Duschen. Jetzt hatte ich kurz Zeit und musterte Mal das Zimmer. Grosse Fenster, grosses Bett, grosse Minibar, schickes Badezimmer, antiker Schreibtisch und wieder die scheussliche Tapete (falls sie sich jetzt fragen was die Tapete damit zu tun hat… Nichts ich wollt das nur mal loswerden!).
John sag frischfröhlich unter der Dusche “Old Mc Donald” und ich sah mich währenddessen weiter im Zimmer um. Auf dem Schreibtisch lag eine grosse Plastiktüte mit Gummihandschuhen, daneben ein Desinfektionsmittel und ein schwarzer Karton. “Für was er die Handschuhe wohl brauchen wird” fragte ich mich im stillen.
Als ich mich wieder brav auf die Couch gesetzt hatte kam auch schon John aus dem Badezimmer und setzte sich zu mir. Er schenkte mir Wein nach, er versuchte sich an einem Feldschlösschen Bier. John erzählte von seiner Farm in Kenia, seinen 80 Mitarbeitern und von den schlimmen Aufklärugsrückständen Betreffend AIDS. Er fragte mich wie es in Europa sei, ob viele mit HIV infiziert seien und beendete den Satz mit der prägnanten Frage ob ich AIDS habe.
Ich verneinte empört und empfand die Frage als Beleidigung. John zeigte auf den Plastiksack mit den Handschuhen und dem Desinfektionsmittel und sagte er würde mich jetzt testen. Ich sollte dafür beten ihn wegen der AIDS Frage nicht belogen zu haben. John desinfizierte seine Hände, zog die Gummihandschuhe an und öffnete den Schwarzen Karton. In Plastik eingeschweiste Schnell HIV-Test’s. “Na gut, wenn’s denn sein muss” dachte ich mir und schaute gespannt zu wie der der Schnelltest vorbereitet wurde. John öffnete das Päckchen, nahm den Tester heraus (ähnelt einem Schwangerschaftstest) und ein ovales Plastikteil was sich als Nadel herausstellte. Er befahl mir meinen Zeigefinger auszustrecken und pikste zu. “Ich habe gestern schon ein Callgirl ins Hotel bestellt, aber die ist nicht aufgetaucht. Die hat sicher AIDS.” sagte er und drückte an meinem Finger herum bis ein Bluttropfen heraus kam den er in die Öffnung des Test’s tropfen lies. Was für eine Aussage war dass denn eben? Ich wusste nicht was ich von eben gesagtem halten soll und bevor ich zu einem Schluss kam wurde Wein nachgeschenkt und ich bekam ein Pflaster auf meinen Finger. “In Kenia gibt es so viele HIV Infizierte, da muss man vorsichtig sein. Und da ich die Lage in Europa nicht kenne teste ich alle Callgirls die ich buche. Wenn in fünf Minuten herauskommt dass du infiziert bist kannst du gleich wieder gehen!” erklärte mir John mit bestimmter Stimme. Ich schluckte. Ich wusste ja dass ich nichts habe aber seine miese Stimmung war trotz allem sehr beunruhigend. Auch die These dass jedes Callgirl welches nicht bei ihm auftaucht oder er noch nicht gebucht hat habe sicher AIDS stimmte mich nicht fröhlicher…
Die fünf Minuten wollten nicht rumgehen und mich beunruhigte sein grimmiges Gesicht weiterhin. Der Versuch mich mit Weisswein abzulenken gelang nicht wie erwünscht und ich starrte aus Trotz die Tapete an und fragte mich wer wohl für diese Schandtat von Wandverzierung verantwortlich gewesen war.
“Du hast kein AIDS” durchbrach John die Stille und meinte wir können also zum wesentlichen übergehen. Er grapschte neue Handschuhe aus dem Plastiksack und gab sie mir. “Zieh die an” befahl er.
Ich brauche wohl nicht zu erwähnen dass die restliche Zeit sehr steril verlief. Als ich mich wieder anzog trottete John ins Bad und desinfizierte sich alle Stellen die ich berührt oder berührt haben könnte. Ich setzte mich wieder artig auf die Couch und wartete darauf dass John wieder erscheinen würde. Meine Aufmerksamkeit ging fast schon wieder zur Tapete über als John zurück kam und zwei Briefumschläge aus seiner Aktentasche nahm. Den einen überreichte er mir mit den Worten: “Dein normales Honorar” und den anderen Umschlag quittierte er mit “Gesundheitstrinkgeld”. Als wäre das nicht genug gab er mir ein Fläschchen seines Desinfektionsmittels, 20 Gummihandschuhe, ein Päckchen Durex Kondome (extra reissfest) und zwei HIV Schnelltests mit auf den Weg. “Teste alle deine Kunden und fass keinen mehr ohne Handschuhe an, du weisst nie wer infiziert ist!!”
Mit diesen Worten wurde ich aus dem Zimmer entlassen. John schüttelte mir die Hand (Gummihandschuhe) und schloss die Tür.
Im Lift öffnete ich den “Gesundheitsumschlag” und fand nebst den “Tips” noch ein Zettel mit den Worten:
*Congratulation, You’re a good Girl*
In diesem Sinne,
Good Girl ende.

Schön wieder was von Dir zu lesen! Dachte schon fast Dir sei was passiert oder so… Den Typen möchte ich nicht als Mann haben – wenn ich eine Frau wäre…
Salü Micha
Nein mir ist nichts passiert. Ich habe nur, wie schon erwähnt, dank (oder wegen) meiner Familie eine Turbulente Zeit hinter mir. Und hatte eben nicht die Nerven mich am Ende des Tages noch an den Laptop zu setzen. Ist halt so eine Sache mit der Verwandtschaft…
Zu John kann ich nur sagen: Er ist verheiratet (seine Frau nächtigte zwei Hotels weiter direkt am See- sagt ja eigentlich alles) und ich möchte Ihn auch nicht geschenkt haben. Was ich nicht nachvollziehen kann ist die Tatsache dass sein Gesundheits- und Reinlichkeitsfimmel so perfide und fast schon karnkhaft ist und er trotzdem in einer Region wohnt/ lebt, in der hygienschie Zustände Mangelware sind. Aber wer muss das schon verstehen? Im grossen und ganzen war der Nachmittag auf eine verzerrte Weise verstörend (schon allein der Tapete wegen) und dennoch lehrreich. Ich habe mein “Gesundheitshonorar” in eine Flasche Wein, Truffel Chocolate Cake (Starbucks) und einen Grande Latte Macchiato (ebenfalls Starbucks) investiert
Sicherheit und Vorsicht gut und schön – aber das ist, in der Tat, etwas verstörend.
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